In ihrer Rede ließ Frau Hein noch einmal die Zeit vom Eintritt in die Schule bis zu den letzten Tagen in den Prüfungen Revue passieren. Sie nahm dabei alle Anwesenden mit auf die Berg(Abi-)Tour.
Liebe Eltern und Großeltern, liebe Kollegen, liebe Gäste, vor allem aber liebe Abiturienten,
es ist geschafft. In wenigen Minuten erhaltet ihr, liebe Abiturienten das Zeugnis. Lob und Anerkennung gebühren euch. Damit ist eigentlich das Wichtigste gesagt, aber nicht alles gewürdigt, denn dieses Mal ist es ein Zeugnis der besonderen Art.
Es bescheinigt euch - auf dem Gipfel eurer schulischen Laufbahn - den höchsten in Deutschland möglichen Schulabschluss.
Ist es Ihnen und euch schon mal aufgefallen? Schule ist ein bisschen wie Bergsteigen. Ausgestattet mit einem Rucksack und einem festen Ziel vor den Augen, klettert man höher und höher, hält sich an Felsvorsprüngen fest, rutscht auch mal ab, benutzt Kletterhilfen und oben angekommen, genießt man - umgeben von andächtiger Ruhe - den Ausblick.
Ihr, liebe Abiturienten, habt in den letzten Jahren einen Berg erklommen. Ein gegebener Anlass einen Augenblick zu rasten und Worte zu finden für das, was euch auf der Gipfeltour oder man könnte auch sagen "Abi-Tour" widerfahren ist, wie ihr euch, oben angelangt, fühlt und was euer Blick in die Ferne zeigt.
Worauf blickt ihr zurück?
1996 an einem sonnigen Augusttag begann im Tal die Klettertour, als ihr an der Hand eurer Eltern, besonders schick gekleidet - manche sogar mit Hut und schwarzen, weißen oder roten Lackschuhen - das erste Mal den Schulweg gegangen seid. Die Rucksäcke waren neu und schwer und erwartungsvoll waren eure Kinderaugen auf das vor euch liegende Bergpanorama gerichtet. Noch ahntet ihr nichts von den Anstrengungen, die so eine Tour mit sich bringen würde.
In der Grundschule lerntet ihr lesen, schreiben und rechnen, immer nach dem Motto "Steile Berge erfordern am Anfang langsame Schritte".
Nachdem ihr einen Teil des Berges erobert hattet, stellte euch der Beginn der Sekundarschulzeit vor neue Anforderungen. Dennoch erschien der Aufstieg zu diesem Zeitpunkt bequem und leicht und führte auf einem sanft ansteigenden Pfad immer höher.
Im Jahr 2002 erreichten 57 Schüler eine weitere Etappe der Bergwanderung, nämlich die 7. Klasse des ehemaligen Winckelmann-Gymnasiums. Das warme, kuschelige Tal lag nun hinter euch und in den höheren Gefilden wehte der Wind schon ein wenig rauer. Erinnert ihr euch an das Gefühl, als ihr das erste Mal unser Schulgebäude betreten habt? Voller Respekt gegenüber den großen Schülern, gespannt und angesichts der älteren Schüler die Frage im Kopf: Wie haben die es bis in diese Höhe geschafft? Bald schon konntet ihr erleben: eine Schule besteht neben ihrer baulichen Hülle vor allem aus Menschen. Eine gute Schule zeichnet sich durch die vier L's aus. Man muss in ihr lernen, leben, lachen und lieben können. Wir hoffen, ihr habt möglichst viel davon bei uns erlebt. Festzustellen ist: Die einen haben, gemäß dem damaligen Schulprofil, schnell das Lernen gelernt. Andere brauchten etwas länger. Leben fand auch außerhalb des Unterrichtes statt: Traumfest, Abend der darstellenden Künste, Chinaabend, Billard in den Hohlstunden, Sommerfest und Wissenschaftsabend. Zu lachen gab es einiges: ein versehentlich ausgelöster Feueralarm, ein chemisches Experiment, das die Haare einer Schülerin in Flammen aufgehen ließ, und eine Lehrerin, die beim Rückwärtsgehen in der Abfallkiste für Papier landete. Und auch die Zeit für das vierte L, die Liebe, kam nicht zu kurz, so konnten wir es zumindest in den Pausen beobachten. Und auch in den Stunden schienen einige dann und wann von der Liebe zu träumen. Die manchmal anstrengende und gelegentlich eintönige Wanderung wurde zu eurer Freude hin und wieder durch erholsame Pausen unterbrochen.
Sicher erinnert ihr euch gerne an die Fahrten nach Arendsee, Werben, Leer und Markgrafenheide, an den Schüleraustausch mit Oxford und Eckbolsheim. Es waren wohl vor allem die Ganzkörpererfahrungen, die ihr auf diesen Ausflügen mit allen Sinnen machen konntet und die manche weiter, als nur bis an ihr Limit gehen ließen.
Die Jahre vergingen und ihr wurdet bedächtiger oder soll ich lieber sagen bequemer?
Die 10. Klasse brachte dann den jahrgangstypischen Tiefschlaf, aus dem viele erst erwachten, als der Abgabetermin für die Jahresarbeiten näher rückte. Der Entschluss zu beginnen, war gar nicht so leicht gefasst und so kam es, dass am Ende für einige nur noch wenige Tage oder gar nur eine einzige Nacht für das Anfertigen einer Jahresarbeit blieb. Wenn einige den Berg bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch als Maulwurfshügel angesehen hatten, so stellte sich plötzlich heraus: Es ist ein Riesengebirge. Dass unbekannte Situationen den Aufstieg zwar erschweren, aber nicht unmöglich machen, haben am Ende alle erkannt und eine Arbeit vorgelegt. Die Rundumsicht über den Schulzaun hinweg konnte sicher den Horizont manches Schülers erweitern.
Der Beginn der Qualifikationsphase brachte Veränderungen in der Berglandschaft: die Bildung neuer Klassenverbände, Unterricht in Kursen, und das fast jeden Nachmittag, keine Versetzungsentscheidungen mehr, Punkte statt Noten. Den meisten wurde bald klar, dass kein Yeti sie den Berg hinauftragen würde und spätestens seit der Simpsons Folge "Die Besteigung des Mount Springfield" wussten alle: Auch die Sherpas können nicht helfen. Hilfe boten stattdessen Stufen im Berg, die den Aufstieg erleichtert hätten. Nicht alle davon habt ihr konsequent für euch genutzt. Bibliothek und Leseraum standen oft leer. Eure Lehrer verbrachten die Förderstunden, in denen sie gerne individuelle Sicherungshaken erläutert hätten, teilweise recht einsam.
Bei manchen Schülern führten die höheren Anforderungen in der Qualifikationsphase zum Absinken bisher attestierter Schulleistungen. Das hatte zur Folge, dass einige, von euch allen lieb gewonnene Schüler, in der 11. Klasse andere Wanderziele ins Auge fassen mussten und sicher fiel es euch nicht leicht, sie ziehen zu lassen. Euer Ziel war es vor allem, die für die Abiturzulassung nötigen Punkte zu sammeln. Manche sammelten fleißig von Beginn an, manche entdeckten ihre Sammelleidenschaft oft erst kurz vor dem Ende eines Kurshalbjahres. Zweimal wurde zu euer aller Freude der Sammel-Stress unterbrochen: Im Januar 2008 hieß es: Skilager oder für die Nichtalpinisten - gesundheitsorientierte Fitness: Beides gestaltete sich für viele von euch als eine Woche Spaß pur. Dabei glaubtet ihr anfangs, die Parallelklassen seien von euch meilenweit entfernte Berge. Dass man mit ihnen sogar seine Freizeit verbringen kann, wurde allen auf der Abschlussfahrt nach Prag klar. Auf dieser Reise stimmte einfach jedes Detail: die Stadt, die Freizeitgestaltung, die begleitenden Lehrerinnen und die Disco. Der auswertende Pragabend überzeugte auch die Daheimgebliebenen.
Kurz vor Erreichen des Gipfels waren noch einige Felsvorsprünge zu meistern: mindestens fünf Abiturprüfungen. Da hieß es: alle Kräfte mobilisieren, Sicherungsleinen überprüfen, unwegsame Gegenden meiden und möglichst keine Rast mehr. Durchhaltevermögen war angesagt. Oft war es nicht der Berg, der zum Klettern zu hoch erschien, sondern es war der Kiesel im Schuh, der das Gehen erschwerte. Nun - trotz Kiesel - ihr alle habt den Berg erklommen - manche mit letzter Kraft, manche mit großer Hilfe und manche im sensationellen Alleingang. 40 Schüler haben den Aufstieg erfolgreich bewältigt und dabei einen Gesamtdurchschnitt von 2,59 erzielt. 3 Schüler erhalten das Zeugnis der Fachhochschulreife.
Wie fühlt man sich nach dieser Anstrengung?
Angelangt auf dem Gipfel der Schulzeit sicher frei und unbeschwert - ganz anders als unten im Tal, am Tag der Einschulung. Man möchte singen, dass es von den Bergen widerhallt.
Als selbstbewusste Persönlichkeiten, ausgestattet mit den Erfahrungen von Gipfelstürmern, verlasst ihr heute die vertraute Umgebung eurer Schule. Auch wenn ihr diese zuweilen als starr und einengend empfunden habt, so war sie doch eine relativ sicher abgesteckte Piste. Sicherheit gab wohl auch die Tatsache, dass die Fusion der Gymnasien Seehausen und Osterburg, die euch zunächst mit Sorge erfüllte, keinen Einfluss auf eure gewohnte Lernumgebung hatte. Denn die Bildungsstätte blieb euch erhalten und auch die Lehrer blieben die alten.
Ich möchte es an dieser Stelle nicht versäumen, euch zu danken für den Beitrag, den ihr einzeln oder als gesamter Jahrgang für eure Schule geleistet habt. Dass ihr euch dabei dem Berg oft aus unterschiedlichen Richtungen genähert habt, hat einiges erschwert, aber am Ende stand die spektakuläre Erkenntnis: Man muss als Team funktionieren, wenn man etwas organisieren will. Die Aktivitäten vieler Schüler und mancher Eltern zur Auffüllung der Abiturkasse, allen voran das satirische Weihnachtsprogramm haben eurem Aufstieg Einmaligkeit verliehen. Einmalig ist an eurem Jahrgang auch, dass ihr vorläufig die letzten - deshalb aber nicht die geringsten - Abiturienten seid, die am gymnasialen Schulstandort Seehausen das Abitur ablegen konnten. Dass es eine Schule der vier L's war, dass man an dieser Schule gemeinsam lernen, leben, lachen, lieben und dadurch dem Berg seine beängstigende Wirkung nehmen konnte, behaltet ihr sicher in guter Erinnerung.
Diese Erinnerung schließt ganz bestimmt auch eure Lehrer ein, die auf der Berg - Abi - T(o)ur zunächst die Sicherungsleine fest in der Hand hielten. Da Erziehen und Lehren aber immer auch Loslassen heißt, haben wir Lehrer die Sicherungsleine Stück für Stück gelockert. Viele von euch fanden sich auch ohne Halteseile zurecht, weil sie den gewonnenen Freiraum genutzt haben, um fachliche Schwerpunkte zu setzen und Interessen zu vertiefen. Es gab aber auch Schüler, die sich trotz Warnungen und schlechter Sicht weit von der vorgeschriebenen Route entfernten. Die Einsicht, dass Denken genauso trainiert werden muss wie Bergsteigen, kam, als sie bei starkem Nebel schon recht kraftlos in den Seilen hingen.
Es bleibt eben doch dabei: Der wichtigste Muskel beim geistigen Klettern ist das Gehirn, Coolness schützt nicht vor der Kälte auf dem Gletscher.
Und noch ein Tipp in ganz eigener Sache: Die Wörter "Bitte" und "Danke" wirken wie "Sesam öffne dich". Sie gestatten euch auch in Zukunft den Blick in das Innere eines Berges, der sich vorher eher verschlossen vor euch auftürmte. Wir Lehrer entlassen euch heute in das wahre Leben. Wir wissen, wie vielfältig der Ruf der Berge außerhalb der Schulmauern ist. Wir wissen aber auch um die Potenziale über die ihr verfügt, um die Herausforderungen, die mit diesem Ruf verbunden sind, anzunehmen. Gestattet uns diesen Optimismus, denn er gehört zum Bergsteigen dazu, Pessimisten kommen nie oben an. Wir durften im Gegensatz zu euren Eltern eure Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten miterleben, ohne mit euch streiten zu müssen, wann ihr nachts nach Hause kommt, wann ihr die Hausaufgaben erledigt und wie und mit wem ihr eure Freizeit verbringt.
Ihr, liebe Abiturienten habt es vielleicht noch gar nicht bewusst gefühlt: Erwachsen ist man, wenn man etwas tut, obwohl es die Eltern für richtig halten.
Liebe Eltern, kommen Ihnen die folgenden Gedanken bekannt vor: Mein Sohn ignoriert schlechte Noten geflissentlich. Meine Tochter wird zu streng bewertet. Der Prüfungsstress unseres Kindes bringt das Familienleben durcheinander. Meine eigene Schulzeit war nur halb so schlimm. Mit dem Kind ist es die reinste Berg- und Talfahrt. Ihnen allen sei versichert: Es ist vollbracht. Ihren Kindern wird heute das letzte Zeugnis der ihrer Schullaufbahn ausgehändigt. Vergessen Sie die tausend geschmierten Pausenbrote, das morgendliche Suchen nach verlegten Büchern, Informationszetteln und Sportzeug, das Bangen um möglichst gute Zensuren und das Gefühl vor Elternsprechtagen und Elternversammlungen. Das Fünf - Sterne Hotel "Mama und Papa", das Sie teilweise mit hauseigener Taxizentrale betrieben haben, können Sie nun ganz langsam schließen. Was bleibt, sind der Stolz und die Gewissheit, dass Ihre Kinder immer Ihre Kinder bleiben werden. Geborgenheit in der Familie - das fühlte sich für alle Beteiligten bis heute gut an und sollte auch in Zukunft ein Fels sein, der Halt und Sicherheit gibt. Als Mutter eines erwachsenen Sohnes kann ich Ihnen versichern, dass die Sorgen um Ihre Kinder in den nächsten Jahren nicht geringer werden. Ich wünsche Ihnen dann, dass Ihre Kinder so erwachsen sind, Ihre Ratschläge dankend anzunehmen.
Liebe Abiturienten!
Jeder Gipfelstürmer darf, oben auf dem Berg angelangt, einen Blick in die Ferne wagen und von der Zukunft träumen. Spätestens wenn sich während eurer Ausbildung oder eures Studiums schwer zu erklimmende Gipfel vor euch auftürmen, wenn schlechte Sicht das Vorwärtskommen erschwert, werdet ihr euch fragen: Was haben 12 Jahre geistiges Klettern eingebracht? Seid euch gewiss: Ihr habt viel gelernt, eure Startposition für die nächste Gipfeltour ist optimal. Das Abiturzeugnis öffnet Türen und hält Chancen bereit. Es erleichtert manchen weiteren Aufstieg.
Wie sehen nun eure Zukunftsträume aus?
Studium, Ausbildungsplatz, soziales Jahr, Wehrdienst, Zivildienst - vieles vermutlich noch mit Fragezeichen versehen. Worin die ganze Kletterei letztlich gipfeln soll, wissen die meisten allerdings schon. Einen guten Beruf haben, der Spaß macht und viel Geld einbringt, Hochzeit, ein bis zwei Kinder, Haus und Hof, vielleicht für immer im Süden leben, so eure Ziele. Anspruchsvolle Ziele, aber durchaus erreichbar.
Nutzt für ihre Erreichung eure Begabungen und Ideen. Besinnt euch auf erworbene Fähigkeiten. Habt den Mut, Dinge in Frage zu stellen, denn der Wille versetzt zwar bekanntlich Berge, der Zweifel aber erklettert sie. Beim steilen Aufstieg kann die Luft dünn und der Rucksack kann durchaus schwer werden. Vielleicht helfen euch dann Freunde oder Mitwanderer. In Ermangelung von beiden kann es genau so gut sein, dass ihr euch entscheiden müsst, den Aufstieg im Alleingang zu bewältigen. Stellt euch dieser Herausforderung kompromisslos.
Betrachtet den Berg, auf dem ihr heute steht, als Teil eines Gebirges, quasi als Basislager, von dem aus ihr in eurer beruflichen Entwicklung höher und höher klettern könnt. Abgründe und steinige Pfade sollten euch auf eurem Weg nicht ängstigen oder gar abhalten. Baut aus den Steinen, die euch im Weg liegen, Brücken über Täler zu neuen Bergen. Überquert Abgründe mit einem Sprung, mit zweien gelingt es nicht und bedenkt:
Glücklich macht euch nicht der Ausblick von einem Berg, auf dem ihr verweilt, sondern das Gefühl beim Aufstieg das eigene Ich bezwungen zu haben und in der Ferne neue Berge zu sehen, die es zu erobern gilt.
Ich wünsche euch für die Zukunft viele schöne Gipfelerlebnisse und immer eine weite Sicht.
