Zum Wesen der Sozialkunde

von Mathias Fritze

„Sozialkunde – klingt irgendwie wie Staatsbürgerkunde, oder?“ – Auf die Frage war ich nicht vorbereitet, und an diesem geselligen Abend mit SchülerInnen und Eltern hatte ich weiß Gott anderes vor, als eine Grundsatzdebatte über politische Bildung zu führen. Ein „Nicht ganz....“, konnte ich mir nicht verkneifen, aber da hob mein Gegenüber schon wieder das Glas, um seiner entfernt stehenden Gattin zuzuprosten - und wir wandten uns vergnüglicheren Themen zu.

Was ist denn nun Sozialkunde? Klingt irgendwie sozial, also nach Gemeinschaft, Gesellschaft, Rücksichtnahme und Sozialhilfe. Naheliegend, die Sozialkunde den Gesellschaftswissenschaften zuzuordnen. Eine ausgezeichnete Ausführung zum Fach lässt sich in den Rahmenrichtlinien nachlesen.

Sozialkunde ist jung, modern und aktuell – neudeutsch: sexy! Nur wenige Fächer in Sachsen-Anhalt können auf eine ähnlich kurze Geschichte zurückblicken. Der Freiraum seitens der Rahmenrichtlinien ist im Vergleich zu den „alten“ Fächern enorm. Das macht flexibel und Spaß.

Sozialkunde ist ein Laberfach – die LehrerInnen reden viel zu viel. Dabei ist hier der Austausch gefragt, der Kommentar, die Meinung. Vorurteile, Stammtischparolen, Pauschalisierungen und undifferenzierte Aussagen stehen auf dem Prüfstand. Sozialkunde ist die Aufforderung, das Wort zu ergreifen!

Sozialkunde ist auch Methodenfach. Planspiele, Debatten, Streitgespräche und Erhebungen bereichern den Unterricht.

Sozialkunde kann man nicht studieren, wie Biologie, Deutsch und Medizin. Je nach Bundesland weicht die Bezeichnung für dieses Fach ab, ich denke da beispielsweise an „Politik“, „Politische Bildung“ oder „Gemeinschaftskunde“ oder „Politische Weltkunde“. Oft gleichen sich die Inhalte. Diese „Einigkeit“ der Kultusministerien mag demonstrieren, wie sehr dieses Fach Spielball der Bildungspolitik ist.
Hinter den Bezeichnungen verbergen sich - in der Regel - die Disziplinen Wirtschaft, Politik und Soziologie. Diese wiederum kann man studieren! Darüber hinaus unternehmen wir Abstecher in die Rechtswissenschaften und die Medienkunde. Somit gelingt, womit sich andere schwer tun: Sozialkunde ist fächerübergreifender Unterricht! Die Sozialkunde bemüht sich, den Disziplinen gleichermaßen gerecht zu werden – zumindest so lange, wie keine der Disziplinen eigenes Unterrichtsfach ist.

Sozialkunde ist unwichtig. Das Schulfach, das wie kein zweites die Vorgänge in unserer Gesellschaft verständlich macht und Orientierung verschafft, ist in der Sekundarstufe II abwählbar. Kritikfähigkeit, politische Mündigkeit, das Wissen über eigene Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten, politische Partizipation, Extremismus, ökonomische Zusammenhänge, weltpolitische Interdependenzen und gesellschaftliche Missstände sind in Sachsen-Anhalt für Abiturienten (ab)wählbar.

Kontakt: fritze@fritze4u.de